Das Gebot der Liebe und was davon übrig ist

Gedanken zum ersten Johannesbrief

 

 

Unter den 312 Wörtern des Kapitels 4 des 1. Johannesbriefes kommt das Wort „Liebe“ nicht weniger als 30-mal vor. Liebe, Liebe und nochmals Liebe. Es scheint so, als möchte Johannes den Adressaten seines Briefes das Grundgebot des Christentums förmlich einhämmern.

Was ist bei uns davon heute noch zu spüren? „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen“ – eine Aussage, die Bismarck zugeschrieben wird, die dann von Helmut Schmidt wiederholt wurde. Haben die beiden Recht?

Als Christ glaube ich: Was vor 2000 Jahren galt, gilt heute immer noch. Die Liebe zu Gott muss in der Liebe zum Menschen ihren Widerhall finden. Liebe zu Gott ohne Beachtung des Nächsten ist scheinheilig. Menschenliebe ohne Gottesliebe bleibt im Irdischen stecken und endet mit unserem Tod.

Die von Johannes postulierte „Liebe“ umfängt alles und alle. Sie muss gelten für die Menschen in der Ukraine und für die Menschen in Russland. Für die Menschen in Deutschland und für die Menschen in China und im Iran. Wer heute behauptet „Frieden schaffen ohne Waffen“ sei nicht mehr möglich, unterliegt einem fundamentalen Irrtum. Dem

Irrtum, dass mit Waffen Frieden geschaffen werden könne. Das hat aber noch nie funktioniert. Die Liebe, die wir heute brauchen, um jedem dieser schrecklichen Kriege ein Ende zu bereiten heißt: ernsthaft nach Lösungen suchen, die den Menschen in Russland, in der Ukraine, ja, allen Menschen auf diesem Planeten gerecht werden. Liebe heißt in diesem

Kontext: Immer wieder aufeinander zugehen und versuchen miteinander zu reden. Auch wenn es schwerfällt – oder gerade, weil es schwerfällt.

Um es mit Johannes auszudrücken: „Wenn jemand sagt: 'Ich liebe Gott', aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.“

 

Autor: Peter Kossack